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Alzchem mit guten Zahlen, aber die Börse will inzwischen mehr

18.09.2026 | Money Mail Nr. 074/2026

Bei diesem Mitfavoriten von uns läuft das Geschäft weiterhin ziemlich rund. Trotzdem reagierte die Aktie auf die Halbjahreszahlen Ende Juli mit einem Rückschlag. Das ist auf den ersten Blick schwer verständlich denn der Spezialchemiekonzern steigerte im ersten Halbjahr 2026 den Umsatz um 6 % auf 303,9 Mio. Euro und das EBITDA sogar um 14 % auf 64,5 Mio. Euro. Die operative Marge verbesserte sich damit von 19,6 % auf 21,2 %.

Der Schlüssel zur Kursreaktion liegt deshalb weniger in den veröffentlichten Zahlen als in den Erwartungen, die bereits im Aktienkurs steckten. Das Quartal war solide, aber kein großer positiver Überraschungscoup. Montega Research hatte beispielsweise für das zweite Quartal bereits mit einem EBITDA von rund 32 Mio. Euro gerechnet; tatsächlich waren es 32,2 Mio. Euro. Auch die Jahresprognose wurde lediglich bestätigt. 

Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Gewinnzuwachs im zweiten Halbjahr zunächst begrenzt bleiben dürfte. Die neue Nitroguanidin-Produktion in Deutschland läuft zwar an, verursacht in der Startphase aber zusätzliche Kosten. Nach Berechnungen von Montega impliziert die bestätigte Jahresprognose für das zweite Halbjahr einen EBITDA-Anstieg von lediglich rund 2,5 % gegenüber dem Vorjahr. Der große Ergebnisschub soll also erst danach kommen.

Das erklärt die unmittelbare Enttäuschung am Aktienmarkt wesentlich besser als der Hinweis auf eine allgemein hohe Bewertung. Anleger wollen einfach konkretere Belege dafür, dass die Zukunft noch besser ausfällt als bislang erwartet.

Die eigentliche Wachstumsstory bleibt intakt: Langfristig gesehen hat sich an der Investmentstory bisher wenig geändert. Das margenstarke Segment Specialty Chemicals wuchs im ersten Halbjahr beim Umsatz um 10 % und beim EBITDA sogar um 19 %. Kreatin, Verteidigungsprodukte und kundenspezifische Spezialchemikalien liefern die entscheidenden Wachstumsimpulse. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Nitroguanidin für die Verteidigungsindustrie hoch, während die neue deutsche Anlage schrittweise hochgefahren wird. Hinzu kommen weitere Kapazitätserweiterungen. Die Kreatinproduktion soll ab dem zweiten Halbjahr 2027 zusätzlich wachsen, während die geplante Nitroguanidin-Produktion in den USA erst später einen größeren Beitrag leisten dürfte. Gerade deshalb sollte man die aktuelle Gewinnentwicklung nicht isoliert betrachten. 

Der Konsens rechnet beim Gewinn je Aktie nach 6,28 Euro im Jahr 2025 zwar nur mit 6,52 Euro für 2026. Für 2027 werden aber bereits 8,35 Euro und für 2028 rund 10,47 Euro erwartet. Beim aktuellen Kurs entspricht das für 2026 einem KGV von rund 24, für 2028 dagegen nur noch von etwa 15. Der entscheidende Punkt für die Aktie ist somit nicht, ob Alzchem 2026 ein paar Prozent mehr oder weniger verdient, sondern ob der erwartete Ergebnissprung ab 2027 tatsächlich gelingt.

Aktie muss in die Bewertung hineinwachsen: Genau in dieser skizzierten wachstumsträchtigen Ausgangslage liegt zugleich aber auch ein Risiko. Alzchem ist mittlerweile kurzfristig betrachtet so hoch bewertet, dass gute Zahlen allein nicht mehr zwingend für steigende Kurse sorgen. Der Markt muss vielmehr erkennen können, dass die Gewinnentwicklung den hohen Vorschusslorbeeren gerecht wird.

Nach den Halbjahreszahlen bestätigten zwar mehrere Analysten ihre positiven Einschätzungen und hoben teilweise sogar ihre Kursziele an, was zeigt, dass die operative Entwicklung grundsätzlich nicht als enttäuschend angesehen wurde. Aber die Aktie konnte daraus keinen frischen Kursimpulse mehr ziehen. Das heißt, vorerst ist hier etwas Geduld gefragt bis sich verlässlich abzeichnet, dass die erwarteten künftigen Gewinnsprünge tatsächlich realisierbar sind.

Anlagerat: Worin bei Alzchem die Pflicht besteht, haben wir dargelegt. Ansonsten spricht für unsere Altempfehlung allgemein nach wie vor, dass die operative Entwicklung stimmt, die margenstarken Bereiche wachsen kräftig und mit Verteidigung, Kreatin und neuen Produktionskapazitäten besitzt Alzchem mehrere konkrete Wachstumstreiber. Auch charttechnisch ist der Rückgang seit den Halbjahreszahlen bislang eher als Konsolidierung zu sehen. Wir raten deshalb dazu, an der Position festzuhalten.

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