Überraschende Börsenrangliste von Morgan Stanley: Österreich Top, Deutschland floppt – das sind die Gründe

Im aktuellen Aktien-Rankingmodell von Morgan Stanley steht Österreich auf Platz 2, Deutschland nur auf 19. Dahinter stecken keine Konjunkturprognosen, sondern ein Zusammenspiel aus Bewertung, Gewinnrevisionen, Momentum und Branchenstruktur.

Österreich ganz weit vorn, Deutschland weit hinten: Eine aktuelle Rangliste von Morgan Stanley sorgt zumindest auf den ersten Blick für ein erstaunliches Bild. Im europäischen Länder-Aktienmodell des US-Instituts steht Österreich auf Platz 2 – nur die Niederlande schneiden noch besser ab. 

Deutschland dagegen fällt auf Rang 19 zurück, nachdem es zuvor auf Platz 14 gelegen hatte. Besonders aufschlussreich ist die Aufteilung Deutschlands in zwei Gruppen: International ausgerichtete deutsche Unternehmen („Germany Global“) landen auf Rang 17. Unternehmen, die stärker vom deutschen Heimatmarkt abhängen („Germany Domestic“), kommen dagegen nur auf Rang 22 und bilden damit das Schlusslicht des gesamten Länder-Rankings. Die Schweiz, und damit ein anderes deutschsprachiges Land, landet übrigens ebenfalls weit hinten auf Platz 20.

Die aktuellen Ergebnisse zum europäischen Aktienstrategie-Ländermodell von Morgan Stanley im Überblick

Das klingt zunächst wie ein vernichtendes Urteil über den deutschen Aktienmarkt. So sollte man die Zahlen allerdings nicht verstehen. Morgan Stanley bewertet hier nicht die wirtschaftliche Qualität eines Landes und stellt auch keine Prognose für das jeweilige Bruttoinlandsprodukt auf.

Das Modell untersucht vielmehr, wie attraktiv die dort vertretenen Aktien anhand einer Vielzahl von Faktoren erscheinen. Morgan Stanley betont selbst ausdrücklich, dass die Länderergebnisse stärker von bestimmten Branchen und Einzelaktien als von der heimischen Konjunktur bestimmt werden.

Österreich punktet bei Gewinnschätzungen und Bewertung

Warum landet Österreich dann so weit vorn? Ein Blick auf die einzelnen Faktoren liefert die Erklärung. Die Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate verbessern sich bei österreichischen Aktien, gleichzeitig erreicht die Breite der Kurszielanhebungen ein sehr hohes Niveau. Besonders auffällig ist der Wert von 80% bei diesem Faktor. Auch das für die vergangenen zwölf Monate gemessene aktienspezifische Momentum liegt mit 65% deutlich über dem Mittelfeld.

Hinzu kommt die Bewertung. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis für die kommenden zwölf Monate liegt in Österreich bei lediglich 11,1. Damit ist der österreichische Aktienmarkt nach dieser Kennzahl wesentlich günstiger als Deutschland mit 17,0 und erst recht als die Schweiz mit 19,7. Auch die laufende Dividendenrendite von 3,3% spricht für Österreich.

Das ergibt eine interessante Kombination: Die Aktien sind vergleichsweise günstig bewertet, während gleichzeitig Gewinnschätzungen, Kurszielrevisionen und Kursentwicklung ein positives Bild liefern. Genau solche Konstellationen sind für ein quantitatives Aktienmodell besonders attraktiv.

Banken sind ein wichtiger Trumpf

Ein wesentlicher Teil der Erklärung liegt in der Zusammensetzung des österreichischen Aktienmarktes. Banken gehören bei Morgan Stanley derzeit zu den bevorzugten europäischen Branchen. Sie stehen im aktuellen Sektormodell auf Platz 2 und werden mit „Overweight“ eingestuft. Die Analysten sehen bei Banken unter anderem eine positive Wirkung höherer Zinsen, einer steileren Zinskurve und einer sich erholenden Kreditnachfrage. Auch Aktienrückkäufe, Bewertungen, Gewinnrevisionen und Übernahmeaktivität sprechen aus Sicht des Modells für den Sektor.

Österreich hat davon gleich mehrfach etwas zu bieten. Raiffeisen Bank International liegt im Morgan-Stanley-Ranking des aktienspezifischen Momentums mit einem Wert von 144% auf Platz 2 in Europa. Dahinter folgen unter den österreichischen Titeln BAWAG mit 109% Gewinnrevisions-Momentum auf Platz 24 und OMV mit 108% auf Platz 25. BAWAG erreicht zudem bei der Breite der Kurszielanhebungen den 91. Perzentiltrang.

Das zeigt zugleich, warum man den Länder-Rang nicht mit einem Urteil über jede einzelne Aktie verwechseln darf. Österreich profitiert in erheblichem Maße davon, dass einige seiner wichtigsten Aktien derzeit genau jene Eigenschaften aufweisen, die Morgan Stanleys Modell sucht.

Deutschland hat ein anderes Problem

Deutschland liefert dagegen ein wesentlich weniger überzeugendes Gesamtbild. Das Land kommt auf einen kombinierten Wert von 45,4 und Rang 19. Besonders schwach fallen die Breite der Kurszielanhebungen und das Momentum aus. Die Kurszielrevisionen liegen bei -35%, beim aktienspezifischen Momentum weist das Modell 0% aus. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis beträgt 17,0 und liegt damit deutlich über dem österreichischen Wert.

Interessant wird es bei der Aufteilung in „Germany Global“ und „Germany Domestic“. Die international ausgerichteten deutschen Aktien kommen auf Rang 17 und einen Modellwert von 45,8. Der heimische Teilmarkt steht dagegen auf Rang 22 und erreicht nur 41,0 Punkte. 

Gerade bei den Kurszielrevisionen ist der Abstand deutlich: Für „Germany Global“ weist Morgan Stanley -33% aus, für „Germany Domestic“ sogar -55%. Gleichzeitig ist der heimische Teilmarkt zwar günstiger bewertet – das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 14,5 –, kann diesen Vorteil aber mit schwächeren anderen Faktoren nicht kompensieren.

Das ist ein bemerkenswertes Detail. Die schwache Platzierung Deutschlands bedeutet also nicht, dass international aufgestellte deutsche Konzerne genauso unattraktiv erscheinen wie der stärker vom deutschen Binnenmarkt abhängige Teil. Für Anleger ist das wichtiger als die nackte Zahl 19.

Deutschland ist deshalb nicht „uninvestierbar“

Auch hier liefert der Morgan-Stanley-Bericht Beispiele, die vor einer zu pauschalen Interpretation schützen. RWE gehört mit einem aktienspezifischen Momentum von 125% zu den zehn stärksten europäischen Titeln dieses Rankings und wird von Morgan Stanley mit „Overweight“ eingestuft. Bayer erreicht mit 118% ebenfalls einen Spitzenplatz beim Momentum.

Auch Deutsche Bank taucht im Top-50-Aktienscreen von Morgan Stanley auf. Sie gehört sogar zu den ausdrücklich genannten Top Picks des Gesamtmodells. In der Liste stehen daneben unter anderem UniCredit, Santander, ASML und Rolls-Royce.

Auf der anderen Seite finden sich mit Porsche und Deutsche Lufthansa auch deutsche Aktien im unteren Bereich des kombinierten Aktien-Screens. Die Unterschiede innerhalb eines Landes können also erheblich sein.

Österreich gegen Deutschland – ein fairer Vergleich

Der Blick auf die wichtigsten Zahlen macht den Unterschied besonders anschaulich:

Morgan Stanley Länder-Aktienmodell

Rang

Modellwert

Gewinn-revisionen

Kursziel-revisionen

Momen-tum

KGV 12 Monate

Dividenden-rendite

Niederlande

1

69,2

5,3%

52%

67%

24,4

1,6%

Österreich

2

63,9

4,5%

80%

65%

11,1

3,3%

Italien

3

61,2

4,3%

30%

53%

14,7

4,2%

Deutschland Global

17

45,8

4,2%

-33%

0%

17,2

2,6%

Deutschland

19

45,4

4,2%

-35%

0%

17,0

2,6%

Schweiz

20

43,9

2,1%

-2%

-1%

19,7

2,7%

Deutschland Domestic

22

41,0

4,2%

-55%

2%

14,5

3,5%

Quelle: Morgan Stanley Research, eigene komprimierte Darstellung. Die höheren Prozentränge sind bei den jeweiligen Faktoren grundsätzlich besser.

Die Tabelle macht deutlich, dass Österreich nicht deshalb auf Platz 2 steht, weil es bei jedem Faktor überlegen wäre. Entscheidend ist vielmehr das Gesamtpaket. Besonders stark sind die Kurszielrevisionen, das Momentum und die niedrige Bewertung. Deutschland kann dagegen seinen Vorteil bei einzelnen Kennzahlen – etwa der günstigeren Bewertung von „Germany Domestic“ – nicht in eine ähnlich hohe Gesamtwertung umsetzen.

Der größere Trend spricht ebenfalls für Österreich

Hinzu kommt ein Umfeld, das die österreichische Marktstruktur derzeit begünstigt. Morgan Stanley setzt in Europa momentan stark auf zyklischere Bereiche. Banken stehen auf Platz 2 des Sektormodells, Kapitalgüter auf Platz 3, Metall und Bergbau auf Platz 4. Auch der Luftfahrt- und Rüstungsbereich hat einen großen Sprung nach vorn gemacht.

Österreich bringt mit Banken und Energie gleich mehrere Aktien aus diesen bevorzugten Bereichen mit. OMV gehört beispielsweise zu den Titeln mit starkem Gewinnrevisions-Momentum. Das hilft, die hohe Länderwertung zu erklären, ohne daraus gleich eine allgemeine Prognose für die österreichische Wirtschaft ableiten zu müssen.

Bemerkenswert ist zudem, dass die gute Platzierung Österreichs keineswegs bedeutet, dass Anleger den Markt erst jetzt entdecken. Im Gegenteil: Die Wiener Börse hat bereits eine starke Entwicklung hinter sich. Der Morgan-Stanley-Bericht liefert deshalb weniger die Geschichte eines „übersehenen“ Aktienmarktes als vielmehr eine Erklärung dafür, warum die relative Stärke aus Sicht eines datengetriebenen Modells weiterhin nachvollziehbar ist.

Für Anleger liegt darin die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Nicht das Etikett „Deutschland“ oder „Österreich“ entscheidet über die Attraktivität. Entscheidend sind die Aktien und Branchen, die sich dahinter verbergen. Morgan Stanley liefert mit Platz 2 für Österreich und Platz 19 für Deutschland dafür gerade ein besonders plakatives Beispiel.