Neue Börsenwelt durch hohe Realrenditen: Diese Europa-Aktien bieten Anlegern Schutz

Die Zeiten extrem niedriger Realzinsen sind vorbei. Das verändert die Chancen an Europas Börsen. Eine Jefferies-Liste zeigt die Favoriten, per Klick erfahren Sie deren Namen.

Anleger hatten sich lange Zeit an eine Welt ungewöhnlich niedriger Realzinsen gewöhnt. Seit der globalen Finanzkrise und bis zur Erholung nach der Corona-Pandemie lagen die inflationsbereinigten Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen häufig unter 1% oder sogar im negativen Bereich. Das machte Aktien vergleichsweise attraktiv und begünstigte insbesondere Unternehmen, deren Bewertung stark auf künftig erwarteten Gewinnen beruhte. 

Inzwischen hat sich das Bild verändert. Die Realrendite zehnjähriger inflationsgeschützter US-Staatsanleihen, sogenannter TIPS, liegt bei rund 2,5%. Damit befindet sie sich am 79. Perzentil ihrer historischen Verteilung. Für Anleger ist das relevant, weil die Realrendite zeigt, welchen inflationsbereinigten Ertrag eine langfristige Anlage in US-Staatsanleihen abwirft. Je höher dieser sichere Ertrag ausfällt, desto anspruchsvoller wird die Bewertung von Aktien. 

Dabei geht es nicht nur um die aktuelle Höhe der Zinsen. Entscheidend ist die Frage, ob das erhöhte Niveau von Dauer sein könnte. Genau hier sieht Jefferies einen wichtigen Unterschied zu früheren Phasen.

Warum die höheren Realzinsen diesmal länger bleiben könnten

Nach Einschätzung von Jefferies wird der jüngste Anstieg der Realzinsen nicht mehr allein von besseren Wachstumserwartungen getragen. Eine größere Rolle spielt inzwischen die sogenannte Laufzeitprämie. Damit ist vereinfacht gesagt der zusätzliche Ertrag gemeint, den Anleger für das Risiko verlangen, langfristig Geld zu verleihen.

Diese Prämie liegt laut Jefferies inzwischen bei rund 1% und spiegelt unter anderem die gestiegenen fiskalischen Risiken wider. Hohe Staatsdefizite und ein zunehmender Finanzierungsbedarf können die langfristigen Anleiherenditen nach oben treiben. Die Studie kommt deshalb zu dem Schluss, dass die höheren Realzinsen Bestand haben könnten, solange Inflation und Haushaltsdefizite nicht deutlich zurückgehen. 

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: die enormen Investitionen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz. Jefferies erwartet für die weltweiten Unternehmensinvestitionen 2026 ein Wachstum von 28%. Gleichzeitig entfielen in den USA in diesem Jahr bereits 37% der Anleiheemissionen börsennotierter Unternehmen außerhalb des Finanzsektors auf Unternehmen mit Bezug zur künstlichen Intelligenz. Im Vorjahr waren es erst 17%. 

Steigende Finanzierungskosten treffen damit gerade auf einen hohen Kapitalbedarf. Jefferies erwartet deshalb, dass die Finanzkraft und Qualität der Bilanzen wieder stärker in den Vordergrund rücken.

Steigende Laufzeitprämie treibt die Realzinsen nach oben

Quellen: Jefferies, Fed-DKW-Modell

Hohe Realzinsen sind kein automatisches Verkaufssignal

Trotz dieser Entwicklung wäre es falsch, aus hohen Realzinsen unmittelbar eine negative Börsenprognose abzuleiten. Die langfristige Historie ist keineswegs eindeutig. Jefferies verweist auf die 1930er-, 1960er- und 2000er-Jahre, in denen hohe Realzinsen mit schwachen Aktienrenditen zusammentrafen. In den 1920er-, 1980er- und 1990er-Jahren konnten Aktien dagegen trotz hoher Realzinsen gut abschneiden. 

Der Blick auf die vergangenen rund 30 Jahre liefert allerdings einen klareren Hinweis. Immer dann, wenn die Rendite zehnjähriger TIPS über 2% beziehungsweise das 70. Perzentil stieg, fielen die durchschnittlichen weltweiten Aktienrenditen schwächer aus. Die aktuelle Realrendite von rund 2,5% liegt bereits deutlich über dieser Schwelle. 

Die Realrenditen haben sich deutlich vom Niedrigzinsniveau entfernt

Quellen: Jefferies, Fed-DKW-Modell, multpl.com. Hinweis: TIPS seit 1997, DKW-Modell seit 1983 und davor 10-jährige Staatsanleihen (10YBY) abzüglich des Verbraucherpreisindex

Für Anleger lautet die entscheidende Frage deshalb nicht, ob Aktien grundsätzlich noch attraktiv sind. Vielmehr geht es darum, welche Aktien mit diesem veränderten Zinsumfeld besser zurechtkommen.

Europa hat bei hohen Realzinsen seine eigenen Favoriten

Für die europäischen Börsen fällt die Antwort von Jefferies relativ eindeutig aus. Wenn die Rendite zehnjähriger TIPS über 2% beziehungsweise das 70. Perzentil stieg, erzielte der MSCI Europe historisch im Durchschnitt lediglich 0,1% pro Monat.

Innerhalb des europäischen Marktes zeigten sich jedoch erhebliche Unterschiede. Substanzwerte und große Unternehmen hielten sich vergleichsweise gut, während Wachstums- und Nebenwerte zu den schwächeren Bereichen gehörten. 

Auch bei den Branchen gibt es Unterschiede. Defensivere Bereiche wie Basiskonsumgüter, Finanzwerte und Energie schnitten in den untersuchten Phasen vergleichsweise gut ab. Jefferies nennt außerdem Gesundheitswesen und Telekommunikation als Bereiche, die gemessen an ihrer jeweiligen langfristigen Entwicklung relativ robust waren. Dagegen taten sich unter anderem zyklische Konsumgüter, Immobilienwerte und Transport schwerer. 

Noch interessanter wird es beim Blick auf die Anlagestile. Dividendenrendite, geringe Schwankungsanfälligkeit und Substanzwerte gehörten zu den stärksten Stilen. Wachstum und eine Rückkehr zu früheren Bewertungsniveaus schnitten dagegen schwächer ab. Bei den einzelnen Kennzahlen lagen Dividendenrendite, ein niedriges Verhältnis der Aktienbewegung zum Gesamtmarkt und die freie Cashflow-Rendite vorne. 

Europa: Dividendenrendite, geringe Schwankung und Substanzwerte sind bei hohen Realzinsen im Vorteil

Quellen: Jefferies, FactSet.

Diese Erkenntnis bildet die Brücke zur konkreten Aktienauswahl.

So hat Jefferies die europäischen Aktien herausgefiltert

Die US-Investmentbank hat vor dem skizzierten Hintergrund nicht einfach eine Rangliste der Aktien mit den höchsten Dividenden erstellt. Jefferies versucht vielmehr, mehrere Eigenschaften miteinander zu verbinden: laufende Erträge, geringe Kursschwankungen, solide Dividendenperspektiven und eine ausreichende finanzielle Grundlage.

Das Ausgangsuniversum bilden Unternehmen aus den entwickelten europäischen Aktienmärkten mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 2 Mrd. Dollar. 

Für die Ertragskomponente muss entweder die erwartete Dividendenrendite für die kommenden zwölf Monate über 3% liegen oder die freie Cashflow-Rendite der vergangenen zwölf Monate mehr als 3% betragen. Der freie Cashflow ist dabei jener Mittelzufluss, der nach den notwendigen Investitionen aus dem operativen Geschäft übrig bleibt und unter anderem für Dividenden, Schuldentilgung oder Aktienrückkäufe zur Verfügung steht. 

Beim Risiko verlangt Jefferies, dass die Aktie zu den 20% schwankungsärmsten Titeln des Vergleichsuniversums gehört. Zusätzlich muss das Beta unter 1 liegen. Eine Aktie mit einem Beta von 0,8 bewegt sich demnach historisch weniger stark als der Gesamtmarkt. 

Auch die Dividende selbst muss nachhaltig erscheinen. Dafür verlangt Jefferies eine Bewertung der erwarteten Dividendenentwicklung von mindestens drei von fünf möglichen Sternen. Schließlich darf die Gewinnschätzung je Aktie für 2026 in den vergangenen drei Monaten nicht gefallen sein. Sie muss stabil geblieben oder gestiegen sein. 

Damit ist das Anlageprofil klar umrissen: Gesucht werden keine besonders riskanten Hochdividendenwerte, sondern Unternehmen, die eine attraktive laufende Rendite mit relativ stabilen Kursen, einer tragfähigen Ausschüttung und stabilen Gewinnperspektiven verbinden.

Diese Aktien stehen auf der Jefferies-Liste

Das Ergebnis ist eine bemerkenswert breit gefächerte Auswahl. Die größten Unternehmen sind Novartis, Nestlé, Inditex und Allianz. Danach folgen unter anderem Zurich Insurance, AXA, GSK, Sanofi und Assicurazioni Generali. 

Ebenfalls vertreten sind zahlreiche Banken, Versicherer, Versorger, Telekomunternehmen und weitere eher defensive Geschäftsmodelle. Dazu zählen etwa Nordea, Crédit Agricole, KBC, Orange, Endesa, DNB, Aena, SEB, Danske Bank, Hannover Rück, Naturgy, Swisscom und OMV.

Diese europäischen Aktien verbinden hohe Dividendenrendite, geringe Schwankung und soliden freien Cashflow

Quellen: Jefferies, FactSet

Gerade der Blick auf die Einzelwerte zeigt, dass die Kriterien keineswegs nur zu klassischen Hochdividendenaktien führen. Novartis beispielsweise kommt auf eine erwartete Dividendenrendite von 3,0% und eine freie Cashflow-Rendite von 5,0%. Bei Nestlé liegen die entsprechenden Werte bei 3,9% und 5,8%, bei GSK bei 3,8% und 6,8%. 

Bei den Versicherern sind die laufenden Erträge teilweise noch höher. Für Allianz nennt Jefferies eine erwartete Dividendenrendite von 4,4%, für Zurich Insurance 5,5% und für AXA 5,8%. Gleichzeitig liegen die Beta-Werte dieser Unternehmen unter beziehungsweise bei 1. 

Die Liste reicht anschließend bis zu mittelgroßen europäischen Unternehmen. Auch dort bleibt das Muster erhalten: geringe Schwankungsanfälligkeit, attraktive Ausschüttung beziehungsweise freier Cashflow und eine stabile Gewinnentwicklung. 

Für Anleger zählt die Kombination

Genau darin liegt der interessante Punkt der Untersuchung. Jefferies empfiehlt nicht einfach, in einem Umfeld hoher Realzinsen möglichst viele Dividendenaktien zu kaufen. Die Studie zeigt vielmehr, dass in Europa mehrere Eigenschaften zusammenkommen sollten.

Eine attraktive Ausschüttung schafft einen laufenden Ertrag, der einen Teil der Kursentwicklung ersetzt. Ein hoher freier Cashflow liefert gleichzeitig die finanzielle Grundlage für diese Ausschüttung. Eine geringe Schwankungsanfälligkeit kann das Risiko reduzieren, während stabile oder steigende Gewinnschätzungen verhindern sollen, dass die Dividendenrendite lediglich das Ergebnis eines einbrechenden Aktienkurses ist.

Damit passt die Auswahl genau zu dem Umfeld, das Jefferies für die kommenden Jahre beschreibt. Sollten die Realzinsen tatsächlich länger bei erhöhten Niveaus bleiben, dürften Unternehmen mit soliden Bilanzen, verlässlichen Mittelzuflüssen und laufenden Ausschüttungen gegenüber hoch bewerteten Aktien mit weit in der Zukunft liegenden Gewinnhoffnungen an Attraktivität gewinnen.

Die Liste ist deshalb weniger als fertiges Depot zu verstehen, sondern als Filter für ein verändertes Börsenumfeld. Für Anleger, die nach europäischen Aktien mit einer Kombination aus Stabilität, Dividende und finanziellem Rückhalt suchen, liefert Jefferies damit eine ungewöhnlich konkrete Auswahl. Die historische Auswertung spricht zumindest dafür, dass genau diese Eigenschaften bei dauerhaft höheren Realzinsen besonders interessant sein könnten.