Hitzewelle: Das sind die potenziellen Gewinner und Verlierer an der Börse

 

Mit den Rekordtemperaturen in Europa gehen weitreichende wirtschaftliche Folgen einher. Das Klimaphänomen El Niño birgt aus Anlegersicht Chancen und Risiken. Wir nennen potenzielle Profiteure und Leidtragende auf Branchen- und Einzelaktienebene.

Europa erlebt einen außergewöhnlich heißen Sommer. In zahlreichen Ländern fallen dabei die bisherigen Temperaturrekorde, Flüsse führen Niedrigwasser, Waldbrände nehmen zu und die Landwirtschaft kämpft mit Trockenheit. Für viele Menschen ist das im Alltagsleben vor allem eine Belastung. An den Finanzmärkten stellt sich jedoch eine andere Frage: Welche Unternehmen könnten von solchen Wetterextremen profitieren – und welche geraten dadurch unter Druck?

Genau dieser Frage widmet sich eine aktuelle Analyse von BNP Paribas. Die Investmentbank hält ein kräftiges El-Niño-Ereignis in der zweiten Jahreshälfte für ein realistisches Szenario und leitet daraus mögliche Gewinner und Verlierer an den Aktienmärkten ab. Wichtig dabei: Bereits während der El-Niño-Phase 2023/24 entwickelte sich ein entsprechender Korb potenzieller Gewinner deutlich besser als der Korb der erwarteten Verlierer. 

Weitere Details hierzu: Die Wertentwicklung der beiden Indizes – die des BNP Paribas El Niño Resilience Long Basket (BNPELNRL Index - Aktienkorb mit 20 Profiteuren von Anpassungsmaßnahmen und Klimaresilienz) sowie des BNP Paribas El Niño Resilience Short Basket (BNPELNRS Index - Aktienkorb mit 20 witterungsanfälligen Unternehmen/Verlierern der Wetteranomalie) wurde für den Zeitraum der El-Niño-Episode von Juni 2023 bis Juni 2024 analysiert und für eine bessere Vergleichbarkeit zum Stichtag am 01.06.2023 auf 100 neu basisbewertet. Während dieser Wetterphase übertraf die Wertentwicklung der Long-Komponente die Short-Komponente um deutliche 33,2%.

Zwar lässt sich daraus keine Garantie für die Zukunft ableiten, dennoch zeigt der Rückblick, dass außergewöhnliche Wetterlagen durchaus spürbare wirtschaftliche Auswirkungen entfalten können.

Wertentwicklung von El-Niño-Resilienz-Körben im Vergleich zur Benchmark

Quellen: Bloomberg, BNP Paribas, SPX Index = S&P 500 Index

Warum El Niño für Anleger interessant ist

El Niño bezeichnet eine ungewöhnliche Erwärmung der Meeresoberfläche im tropischen Pazifik. Dadurch verändern sich Luft- und Meeresströmungen, was weltweit zu Abweichungen bei Temperaturen und Niederschlägen führen kann. Je nach Region nehmen Hitze, Trockenheit oder Starkregen zu. Für Unternehmen sind solche Veränderungen weit mehr als ein meteorologisches Randthema. Sie beeinflussen unter anderem den Energieverbrauch, die Nachfrage nach bestimmten Produkten, Ernteerträge, Rohstoffpreise und Investitionen in Infrastruktur.

Deshalb richtet sich der Blick vieler Investoren inzwischen nicht nur auf Konjunkturdaten und Zinspolitik, sondern zunehmend auch auf klimatische Entwicklungen, sofern diese das Potenzial besitzen, ganze Branchen unterschiedlich zu beeinflussen. Nachfolgend zeigen wir, wer dabei zu den potenziell Begünstigten und Geschädigten zählen könnte.

Kühltechnik dürfte zu den ersten Profiteuren zählen

Steigende Temperaturen erhöhen den Bedarf an Klimaanlagen und Kühlsystemen – sowohl in Privathaushalten als auch in Bürogebäuden, Rechenzentren und der Industrie. BNP Paribas zählt diesen Bereich zu den aussichtsreichsten Profiteuren eines ausgeprägten El Niño. 

Als interessante Einzelwerte gelten hierbei allgemein insbesondere Daikin Industries (ISIN: JP3481800005), der weltweit führende Hersteller von Klimaanlagen, sowie Carrier Global (ISIN: US14448C1045), das ebenfalls über eine starke Marktposition bei Heizungs-, Lüftungs- und Kühlsystemen verfügt.

Stromnetze und Wassertechnik gewinnen an Bedeutung

Mit höheren Temperaturen steigt in vielen Regionen gleichzeitig der Stromverbrauch. Klimaanlagen, Kühlung und Wasseraufbereitung erhöhen den Bedarf an einer leistungsfähigen Energieinfrastruktur. Davon könnten Unternehmen profitieren, die Stromnetze modernisieren oder entsprechende Technik liefern. Zu den interessantesten Kandidaten zählen Siemens Energy (ISIN: DE000ENER6Y0) sowie der Schweizer Technologiekonzern ABB (ISIN: CH0012221716).

Auch Wasser dürfte bei längeren Trockenperioden noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Unternehmen wie Xylem (ISIN: US98419M1009) entwickeln Lösungen für Wasseraufbereitung, intelligente Leitungsnetze und den effizienteren Umgang mit knappen Wasserressourcen. Gerade in Regionen mit zunehmendem Wasserstress könnte die Nachfrage nach solchen Technologien weiter steigen.

Landwirtschaft könnte stärker unter Druck geraten

Während einige Branchen profitieren könnten, sieht BNP Paribas für andere Gegenwind. Dazu zählen vor allem Landwirtschaft, Düngemittel und Teile der Lebensmittelindustrie. Schlechtere Ernten könnten die Preise wichtiger Agrarrohstoffe wie Kaffee, Kakao oder Zucker steigen lassen und damit die Kosten vieler Unternehmen erhöhen.

Beispielhaft stehen dafür der norwegische Düngemittelhersteller Yara (ISIN: NO0010208051) sowie der US-Landmaschinenkonzern Deere (ISIN: US2441991054). Beide Unternehmen sind zwar keineswegs unmittelbar von einem einzelnen Wetterereignis abhängig, ihre Geschäftsentwicklung wird jedoch von den Investitionen der Landwirtschaft und damit indirekt auch von den Erntebedingungen beeinflusst.

Interessanter Ansatz – aber keine sichere Prognose

So spannend die Überlegungen auch sind: Anleger sollten daraus keine fertige Investmentstrategie ableiten. Entscheidend ist weniger, ob El Niño grundsätzlich auftritt, sondern ob das Wetterphänomen tatsächlich die erwartete Intensität erreicht und die wirtschaftlichen Folgen entsprechend ausfallen. Zudem reagieren Aktienkurse häufig stärker auf Unternehmenszahlen, Konjunktur oder die Geldpolitik als auf einzelne Wetterereignisse.

Dennoch liefert die Analyse einen interessanten Denkanstoß. Die aktuelle Hitzewelle in Europa zeigt, dass extreme Wetterlagen längst nicht mehr nur ein Thema für Meteorologen sind. Für Anleger kann es sich deshalb lohnen, Unternehmen aus den Bereichen Kühltechnik, Stromnetze und Wasserwirtschaft ebenso im Blick zu behalten wie Branchen, deren Geschäfte besonders stark von stabilen Wetterbedingungen abhängen. Gerade weil viele dieser Zusammenhänge an den Börsen noch vergleichsweise wenig beachtet werden, könnten sie in den kommenden Monaten an Bedeutung gewinnen.