Europäische Aktien in Rekordlaune: Morgan Stanley erhöht Kursziele

Führende europäische Aktienindizes wie der Euro STOXX 50 sind auf Rekordjagd. Pünktlich zur Berichtssaison schraubt Morgan Stanley die Kursziele nach oben. Wir verraten, was genau auf Zwölfmonatssicht einen weiteren Performanceschub von 15 % bringen könnte.

Die Berichtssaison für das zweite Quartal 2026 steht in den Startlöchern. Einher geht das mit führenden europäischen Aktienindizes, die auch in diesem Monat bereits neue Bestmarken gesetzt haben: Das gilt beispielsweise sowohl für den Euro Stoxx 50 Index als auch für den MSCI Europe Index. 

Pünktlich zum nächsten Berichtsreigen zeigt sich Morgan Stanley in einer aktuellen Studie optimistischer für europäische Aktien. Die US-Investmentbank hat ihr Kursziel für den MSCI Europe bis Juni 2027 von 2.700 auf 2.810 Punkte angehoben. Den Angaben vom 10.07. zufolge ergibt sich daraus ein Kursaufwärtspotenzial von 10,3 %. Einschließlich von Dividenden und Aktienrückkäufen verspricht das auf Sicht von rund zwölf Monaten sogar einen Gesamtertrag von rund 15 %. 

Morgan Stanley-Prognose zum MSCI Europa Index: (+10 % Kurspotenzial, +15 % inklusive Dividenden und Aktienrückkäufen)

Positive Ergebnisaussichten

Entscheidender Faktor für diese Zuversicht ist dabei weniger die Annahme einer steigenden Bewertung als vielmehr die Erwartung steigender Unternehmensgewinne. Denn nach Ansicht der Strategen unterschätzt der Markt noch immer die Ertragskraft europäischer Unternehmen.

Das zeigt sich auch an der Entwicklung der Gewinnschätzungen. Die sogenannte Breite der Gewinnrevisionen – also das Verhältnis von Anhebungen zu Senkungen der Gewinnerwartungen – ist auf +13 % gestiegen und hat damit den höchsten Stand seit 2022 erreicht. Zwar liegen die USA weiterhin leicht vorne, das Tempo der Verbesserung fällt in Europa inzwischen jedoch sogar höher aus. 

Die Marktbreite der Gewinnkorrekturen in Europa zieht dynamisch an... Marktbreite der Gewinnrevisionen (Folgejahr, rollierender 75-Tage-Durchschnitt)

Quellen: Factset, Morgan Stanley Research

Gleichzeitig wird der Aufschwung nicht mehr allein von KI-Werten getragen. Besonders kräftige Aufwärtsrevisionen verzeichnen Halbleiterunternehmen und Hersteller von Produktionsanlagen, inzwischen schließen sich aber immer mehr Branchen an. Dazu zählen unter anderem Transport, Reise- und Freizeitunternehmen, Banken sowie Versorger. Für Morgan Stanley ist das ein Zeichen, dass sich die Gewinnverbesserung auf eine immer breitere Basis stellt.

Die Gewinne werden angetrieben sowohl durch KI (Halbleiter, Investitionsgüter) als auch durch eine breitere Palette von Sektoren

Verhältnis der Gewinnrevisionen europäischer Sektoren für das Folgejahr (nach freefloat-bereinigter Marktkapitalisierung gewichtet)

Quellen: Factset, Morgan Stanley Research

Auch die eigentlichen Gewinnprognosen entwickeln sich ungewöhnlich positiv. Für 2026 erwarten die Analysten inzwischen ein Gewinnwachstum der Unternehmen im MSCI Europe von 16,9 %. Selbst ohne den traditionell schwankungsanfälligen Energiesektor werden noch 13,4 % erwartet. 

MSCI Europe: Wachstum des Gewinns je Aktie (% ggü. Vorjahr, lokale Währung)

Quellen: MSCI, IBES, LSEG Data & Analytics and Morgan Stanley Research

Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Gewinnschätzungen europäischer Unternehmen im Jahresverlauf normalerweise kontinuierlich nach unten angepasst werden. Diesmal zeigt sich das genaue Gegenteil: Die Erwartungen steigen seit Monaten an. Gleichzeitig haben die operativen Gewinnmargen außerhalb des Energiesektors neue Höchststände erreicht. Für Morgan Stanley spricht dies dafür, dass sich die bessere Gewinnentwicklung nicht nur in Prognosen widerspiegelt, sondern bereits in den Unternehmen selbst sichtbar wird.

MSCI Europe ex-Energy: EBIT-Margen auf Basis der Schätzungen der kommenden zwölf Monate

Quellen: MSCI, FactSet Estimates, Morgan Stanley Research

Vor diesem Hintergrund blickt die Investmentbank ausgesprochen zuversichtlich auf die anlaufende Berichtssaison. Die eigenen Branchenanalysten seien so optimistisch wie seit Jahren nicht mehr und rechneten mit einer ungewöhnlich hohen Zahl positiver Überraschungen. 

Die größten Chancen auf besser als erwartete Geschäftszahlen sehen sie bei Halbleiterunternehmen, Banken, Industriegüterherstellern und Versorgern. Grundlage dafür ist unter anderem ein hauseigenes Modell, das seit seiner Einführung im dritten Quartal 2025 bei der Vorhersage positiver Gewinnüberraschungen nach Angaben von Morgan Stanley eine Trefferquote von nahezu 70 % erreicht hat.

Kombinierte Gewinnprognose-Scores nach Sektoren (nach Streubesitz-Marktkapitalisierung gewichtet)

Quellen: LSEG Data & Analytics, Factset, Morgan Stanley Research

Doch warum entwickelt sich Europa nach Einschätzung der Strategen besser als viele Anleger vermuten? Ein wesentlicher Grund liegt in der Struktur des Aktienmarktes. Rund 59 % der Gewinne im MSCI Europe stammen aus Bereichen wie Banken, Energie, Infrastruktur und Unternehmen, die direkt vom weltweiten Ausbau der KI-Rechenzentren profitieren. Diese Branchen entwickeln sich in einem Umfeld moderater Inflation häufig besser als der Gesamtmarkt. 

Gleichzeitig erwirtschaften die Unternehmen des Index inzwischen rund 55 % ihrer Umsätze außerhalb Europas. Europäische Aktien sind deshalb deutlich weniger von der heimischen Konjunktur abhängig, als häufig angenommen wird. Selbst die innerhalb Europas erzielten Umsätze entfallen überwiegend auf Finanzwerte, defensive Branchen sowie Rohstoff- und Industriekonzerne und damit deutlich weniger auf den klassischen Konsum.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den Morgan Stanley für unterschätzt hält. Viele Anleger verbinden den Boom rund um Künstliche Intelligenz fast ausschließlich mit amerikanischen Technologiekonzernen. Tatsächlich entfallen nach Berechnungen der Strategen aber bereits rund 14 % des MSCI Europe auf Unternehmen, die unmittelbar von den weltweiten Investitionen in KI profitieren. 

Profiteure der KI-Investitionsausgaben im MSCI Europe (nach Streubesitz-Marktkapitalisierung gewichtet)

Quellen: MSCI, LSEG Data & Analytics, Morgan Stanley Research

Dazu gehören Halbleiterhersteller, Anbieter von Halbleiterausrüstung, Industrieunternehmen und Hersteller wichtiger technischer Komponenten. Die Investmentbank sieht deshalb gute Chancen, dass Europa weiterhin an den milliardenschweren KI-Investitionen partizipiert.

Fazit: Unterm Strich lautet die Botschaft der Studie damit nicht, dass europäische Aktien allein wegen ihrer Bewertung attraktiv seien. Morgan Stanley geht vielmehr davon aus, dass viele Investoren die Gewinnkraft europäischer Unternehmen noch immer unterschätzen. Sollte die nun beginnende Berichtssaison diese Einschätzung bestätigen, dürfte das nach Ansicht der Strategen den nächsten Schub für Europas Aktienmarkt liefern. 

Und weil die meisten unserer Leser in europäischen Aktien investiert sein dürften, wären es so gesehen gute Nachrichten, wenn die Prognosen von Morgan Stanley aufgehen sollten. Denkbar sind weiter steigende Kurse auch aus Sicht der Redaktion allemal – zumindest falls der Iran-Krieg und andere geopolitische Störfaktoren keinen Strich durch die Rechnung machen.