Es ist der Zeitpunkt gekommen, etwas Risiko aus den Depots zu nehmen

Artikel Hanseatischer Börsendienst Nr. 03/18 von Matthias Rieger

In den zurückliegenden Jahren haben wir uns relativ wenig mit dem Thema Markttiming beschäftigt. Doch das Risiko an den Aktienmärkten steigt wieder. Anleger sollten sich stets bewusst sein, wo wir an der Börse derzeit stehen und welche Risiken lauern. Hierzu werfen wir einen Blick auf wichtige Indikatoren, um zu sehen, wo bereits Warnsignale gesendet werden. Dabei beobachten wir besonders intensiv die Bewertung an der Leitbörse USA. Dort sind die Kurse zuletzt stark angestiegen. Der S&P 500 hat aus einem gesunden Aufwärtstrend noch einmal nach oben beschleunigt und lief zuletzt gefährlich zügig nach oben. Die europäischen Aktienmärkte sehen gesünder aus. Sollte es jedoch zu einem Crash am US-Aktienmarkt kommen, dann würde dies sicherlich auch den DAX und den EuroStoxx 50 mit nach unten ziehen. Deshalb sehen wir uns die wichtigsten US-Indikatoren noch einmal genauer an.

Langfristige Indikatoren: 

  • Buffett-Indikator auf historischem Hoch: Warnlampe an und auf Rot 

Buffett-Indikator (Wert US-Aktien zu US-BIP): 152%  

Warren Buffett vergleicht gerne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA mit dem Wert des gesamten US-Aktienmarktes. Hohe Werte dieses Indikators zeigen dann an, dass Aktien in Relation zur Wirtschaftsleistung teuer sind. Zuletzt ist dieser Wert auf 152% gestiegen und hat damit den bisherigen Rekordwert von März 2000 überschritten. Dieser Indikator eignet sich nicht gut, um kurzfristige Marktentwicklungen zu prognostizieren. Er kann jedoch anzeigen, ob sich die Börsen angesichts der Bewertungen in gefährlichem Fahrwasser bewegen. Der Buffett-Indikator auf historischem Höchststand signalisiert überdurchschnittliche Risiken.  

  • Shiller KGV knapp unter Rekordhoch: Warnlampe an und auf Rot   

Das Shiller-KGV ist ein weiterer Indikator, der gut anzeigt, ob die Aktienmärkte überteuert sind. Nobelpreisträger Robert Shiller berechnet das KGV dabei nicht auf Basis der aktuellen Gewinne, sondern auf Basis der durchschnittlichen Gewinne der vergangenen zehn Jahre. Dies eliminiert zyklische Schwankungen und liefert ein aussagefähiges und robustes KGV. Kritiker weisen darauf hin, dass dieses KGV der aktuellen Gewinnlage zu wenig Beachtung schenkt. Dies ist nicht falsch. Doch in der Vergangenheit hat sich das robuste Shiller KGV durchaus bewährt, um Wendepunkte an den Aktienmärkten zu erkennen. So signalisierte das Shiller KGV beispielsweise nach dem Crash im Jahr 2009 historisch günstige Einstiegskurse, während das aktuelle KGV auf Rekordhoch gestiegen war. Hintergrund: Aufgrund der Rezession waren die Gewinne in den USA so stark gedrückt, dass das Markt-KGV auf über 100 gestiegen war. Dennoch wäre es der richtige Zeitpunkt gewesen, um einzusteigen, wie vom Shiller KGV richtig angezeigt. Es kann somit ein Fehler sein, das Shiller-KGV nicht zu beachten. Ein Blick in die Historie ist alles andere als beruhigend: Das Shiller-KGV notierte im amerikanischen Aktienmarkt seit 1881 überwiegend in einer Spanne zwischen 10 und 22 und kehrte dabei regelmäßig zu seinem historischen Durchschnittswert von 17 zurück. Derzeit notiert das Shiller-KGV um rund 35 und damit auf dem zweithöchsten Niveau seit mehr als einhundert Jahren. Nur im Dezember 1999 notierte dieses KGV mit 44 noch höher. Bei einer Rückkehr zum Durchschnitt müssten sich die Gewinne somit verdoppeln oder die Aktienkurse müssten sich halbieren. Damit bestätigt das Shiller-KGV den Buffett-Indikator: Der US-Aktienmarkt ist derzeit gefährlich hoch bewertet.  

Mittelfristige Indikatoren:  

  • US-Aktien zu Anleihen: Börsenampel springt von Grün auf Gelb   

US-Aktien-Gewinnrendite nach Shiller: 2,9% 
US-Zins Laufzeit 10 Jahre: 2,66% 
US-Zins Laufzeit 2 Jahre: 2,12% 
US-Zins Laufzeit 1 Jahr: 1,79%  

Bisher hatten wir an den Börsen einen sehr starken Rückenwind durch das monetäre Umfeld. Doch in den USA wurde die Zinswende bereits eingeleitet. Die US-Zinsen mit einer Laufzeit von zwei Jahren sind zuletzt steil auf 2,12 Prozent nach oben geklettert (siehe Chart ganz unten).  

Gleichzeitig sind die Aktienkurse weiter gestiegen. Damit sind Aktien gegenüber Anleihen in den USA in den letzten Wochen und Monaten aus diesem Blickwinkel wieder deutlich unattraktiver geworden. Noch versprechen Aktien gegenüber Anleihen die besseren Renditen. Allerdings signalisiert das sehr hohe KGV am US-Aktienmarkt, dass die künftigen Renditen eher unterdurchschnittlich ausfallen werden. Anleger träumen von weiterhin deutlich zweistelligen Renditen am US-Aktienmarkt. Mit Blick auf die hohe Bewertung bei gleichzeitig steigenden Zinsen werden diese hohen Erwartungen mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden. In den USA werden die Renditen am Aktienmarkt nach aller Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren unterdurchschnittlich und für viele Anleger enttäuschend ausfallen. Und je länger die Anleger die Fundamentaldaten und die Veränderung im monetären Umfeld ignorieren, desto höher steigt das Risiko eines erneuten Börsencrashs.  

Unser Fazit: US-Aktien beginnen gegenüber Anleihen an Attraktivität einzubüßen. Die Börsenampel springt hier von Grün auf Gelb.  

  • Deutsche Aktien zu Anleihen: Börsenampel weiter auf Grün   

Deutlich besser sieht diese Analyse für den DAX aus. Hier liegen KGV und auch die Zinsen jeweils deutlich niedriger als in den USA. Ein Shiller KGV um 20 für deutsche Aktien entspricht einer Aktienrendite um fünf Prozent, während die Rendite für Anleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren noch negativ ist. Aktien weisen in Deutschland somit derzeit einen Renditevorsprung von rund 5,5 Prozent gegen Anleihen auf. Dies ist attraktiv und stellt einen großen Unterschied zur USA dar, wo der Renditevorsprung der Aktien gegenüber Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit auf nur noch 0,8 Prozent zusammengeschmolzen ist.  

Kurzfristige Indikatoren:  

  • USA: Hausse intakt – Börsenampel auf Grün 
  • Deutschland: Hausse intakt - Börsenampel auf Grün   

Die oben angegebenen Indikatoren können nur anzeigen, ob die Marktrisiken eher hoch oder niedrig sind. Als kurzfristige Timing-Indikatoren taugen sie nicht. Nach unseren kurzfristigen technischen Indikatoren fällt das Urteil derzeit eindeutig aus: Sowohl in den USA als auch in Deutschland ist der Aufwärtstrend an den Aktienmärkten intakt. Die Hausse lebt also.  

Jetzt etwas Risiko aus den Depots nehmen  

Was verraten unsere Börsenindikatoren? Das Umfeld für einen Jahrhundertsturm an den Börsen ist bereitet. Nur aktuell ist noch kein Wölkchen am Himmel zu sehen. Dennoch sollte das Haus doch etwas wetterfest gemacht werden.  

Konkret bedeutet dies: Wir raten von Aktienspekulationen auf Kredit derzeit streng ab. Depots sollten durch einen Anteil von zumindest 10 Prozent Liquidität sowie zudem mindestens fünf bis zehn Prozent an Edelmetall-Investments wetterfester gemacht werden. Beim Aktienanteil sollte bei sehr stark gelaufenen Positionen auch einmal an Teilgewinnmitnahmen gedacht werden. Insgesamt raten wir zu einer stufenweise Umschichtung von hoch bewerteten Wachstumswerten (Technologiesektor) in defensivere Branchen (beispielsweise Telekommunikation oder Pharma) mit niedriger Bewertung und überdurchschnittlicher Dividende. Damit kann etwas Risiko aus den Depots genommen werden, ohne die weiterhin intakten Chancen der Aktienanlage abzuschneiden.

 

 

US Zinsen mit Laufzeit 2 Jahre
Chart: US Zinsen mit Laufzeit 2 Jahre