DAX vor Index-Umstellung: Wie eine Studie mit Anlage-Mythen über Auf- und Absteiger aufräumt
Wer in den DAX aufsteigt oder ihn verlassen muss, bewegt die Kurse – aber anders als viele Anleger erwarten. Eine Auswertung von 20 Jahren zeigt, was Auf- und Absteiger im Schnitt vor und nach der Indexumstellung tatsächlich leisteten.
Am 3. September steht die nächste Überprüfung der DAX-Familie an, am 21. September sollen mögliche Änderungen umgesetzt werden. Damit dürfte auch die Frage wieder in den Mittelpunkt rücken, welche Aktien vor dem Aufstieg in den DAX stehen. Ein Name fällt dabei besonders auf: Lufthansa. Die Airline kämpft bereits seit Jahren um die Rückkehr in den deutschen Leitindex und gilt auch diesmal als Kandidat. Zuletzt hat sich ihre Position allerdings wieder verschlechtert. Auch Zalando und Scout24 stehen am unteren Ende der DAX-Rangliste unter Beobachtung.
Rund um solche Termine werden erfahrungsgemäß wieder zahlreiche Berichte erscheinen, die Anlegern nahelegen, von einer DAX-Aufnahme zu profitieren. Doch genau diese Annahme verdient einen genaueren Blick. Eine Analyse der Deutschen Bank, die 20 Jahre DAX-Indexumstellungen untersucht, kommt nämlich zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Der Aufstieg in den Leitindex war historisch keineswegs der Startschuss für eine überdurchschnittliche Kursentwicklung.
DAX-Aufsteiger – relative Performance gegenüber dem DAX am Tag der Indexumstellung
Schon am Tag der Umstellung zeigt sich ein überraschendes Muster. DAX-Neulinge entwickelten sich gegenüber dem DAX im Median um 2% schlechter. Bei den Absteigern war es genau umgekehrt: Sie lagen am Umstellungstag im Median 2% vorn. Die Erklärung der Deutschen Bank: Die höhere Gewichtung eines Titels im MDAX kann den zusätzlichen Kaufdruck durch DAX-Indexfonds überwiegen. Dadurch entsteht bei Aufsteigern Verkaufsdruck, während Absteiger vom zusätzlichen Gewicht im MDAX profitieren können. Dieses Muster zeigte sich laut Studie bei nahezu jeder Indexneusortierung der vergangenen 20 Jahre.
Noch interessanter wird es beim Blick auf die Entwicklung rund um die eigentliche Aufnahme. Denn die Unternehmen, die neu in den DAX kamen, waren keineswegs zuvor unentdeckt. Im Gegenteil: Im Jahr vor ihrer Aufnahme hatten sie den DAX im Median um 20% übertroffen. Danach drehte sich das Bild. Ein Jahr nach der Aufnahme lagen die ehemaligen Aufsteiger im Median 8% hinter dem DAX. Von 41 untersuchten Neulingen konnten lediglich 16 beziehungsweise 39% den Index in ihrem ersten DAX-Jahr schlagen.
DAX-Aufsteiger – relative Performance gegenüber dem DAX ein Jahr vor der Aufnahme
DAX-Aufsteiger – relative Performance gegenüber dem DAX ein Jahr nach der Aufnahme
Für Anleger steckt darin eine wichtige Erkenntnis: Die DAX-Aufnahme selbst könnte weniger die Ursache einer starken Kursentwicklung als vielmehr deren Folge sein. Aktien steigen häufig bereits im Vorfeld kräftig, weil die Unternehmen die Voraussetzungen für den Indexaufstieg erfüllen. Ist das Ziel erreicht, kann ein Teil der zuvor aufgebauten Erwartungen bereits eingepreist sein. Die Deutsche Bank nennt Gewinnmitnahmen als eine mögliche Erklärung für die anschließende relative Schwäche.
Bei den Absteigern funktioniert die Logik allerdings nicht einfach spiegelbildlich.
DAX-Absteiger – relative Performance gegenüber dem DAX ein Jahr vor dem Ausscheiden
Aktien, die aus dem DAX fielen, hatten im Jahr davor im Median bereits 33% schlechter abgeschnitten als der Index. Die Indexabstufung markierte aber keineswegs automatisch die Trendwende. Im Jahr danach verloren die Absteiger gegenüber dem DAX im Median weitere 14%. Wer also darauf setzte, dass ein Ausscheiden aus dem DAX einen unterbewerteten Titel wieder auf die Erfolgsspur bringen würde, lag historisch ebenfalls häufig falsch.
DAX-Absteiger – relative Performance gegenüber dem DAX ein Jahr nach dem Ausscheiden
Was bleibt damit für Anleger? Vor allem eine wichtige Unterscheidung zwischen Kurswirkung und Handelsliquidität. Denn bei der Liquidität bestätigt die Historie durchaus die verbreitete Erwartung: Nach einer DAX-Aufnahme stieg das gehandelte Volumen im Median um 15%. Nach einem Ausscheiden ging es ebenfalls um 15% zurück. Die größere Aufmerksamkeit und stärkere passive Nachfrage machen einen Aufstieg also tatsächlich handelbarer – nur eben nicht automatisch profitabler.
Relative Performance von DAX-Aufsteigern und -Absteigern gegenüber dem DAX im Median
Damit ergibt sich für die bevorstehende September-Umstellung eine deutlich nüchternere Strategie. Anleger sollten eine mögliche DAX-Aufnahme nicht isoliert als Kaufsignal betrachten. Viel wichtiger ist die Frage, wie stark die betreffende Aktie bereits vor der Aufnahme gelaufen ist und ob die Erwartungen damit möglicherweise schon eingepreist sind. Die historische Erfahrung spricht dafür, bei einem bereits stark gestiegenen künftigen DAX-Mitglied eher vorsichtig zu werden, statt allein wegen des Indexaufstiegs einzusteigen.
Umgekehrt sollte auch ein DAX-Abstieg nicht reflexartig als Kaufchance verstanden werden. Die Daten der Deutschen Bank zeigen vielmehr, dass die schwache Kursentwicklung nach dem Ausscheiden häufig weiterging. Der Indexwechsel ist damit weniger ein eigenständiger fundamentaler Kurstreiber als ein Ereignis, das bestehende Trends sichtbar machen kann.
Für Anleger lautet die wichtigste Lehre deshalb: Nicht die Indexumstellung entscheidet über die Attraktivität einer Aktie, sondern das Verhältnis von bereits gelaufener Kursentwicklung, Erwartungen und künftigem Potenzial. Wer diese historische Erfahrung berücksichtigt, dürfte die vielen Schlagzeilen rund um die nächste DAX-Rochade deutlich besser einordnen können.
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