Crash, Krieg, Inflation: Was 150 Jahre Börsenkrisen Anlegern wirklich lehren
Der Iran-Krieg macht viele Anleger nervös. Eine Morningstar-Analyse über anderthalb Jahrhunderte zeigt jedoch: Wer in Krisen Ruhe bewahrt, hat langfristig fast immer profitiert.
Es gibt diese Momente an der Börse, in denen selbst erfahrene Anleger nervös werden. Kurse fallen Tag für Tag, schlechte Nachrichten dominieren die Schlagzeilen, und plötzlich wirkt das, was noch wenige Monate zuvor wie ein stabiler Aufwärtstrend aussah, erstaunlich fragil.
Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen und militärischer Konflikte – wie aktuell im Umfeld des Iran-Kriegs und anderer globaler Krisenherde – stellt sich wieder die klassische Anlegerfrage: Ist das nur eine weitere Korrektur oder der Beginn einer wirklich großen Krise?
Ein Blick auf 150 Jahre Börsengeschichte, den Morningstar in einer aktuellen Analyse vorgenommen hat, liefert darauf eine ebenso nüchterne wie beruhigende Antwort: Crashs gehören zum System – und bislang folgte auf jeden einzelnen irgendwann eine vollständige Erholung.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet dabei: Nicht der Crash entscheidet über den Anlageerfolg, sondern das Verhalten der Anleger währenddessen.
Crashs sind keine Ausnahme – sondern die Regel
Wie häufig schwere Markteinbrüche tatsächlich vorkommen, wird erst klar, wenn man den sehr langen historischen Blick einnimmt. Auf Basis umfangreicher US-Marktdaten seit dem 19. Jahrhundert identifiziert Morningstar insgesamt 19 Bärenmärkte mit Verlusten von mindestens 20 %. Das entspricht im Schnitt etwa einem größeren Einbruch pro Jahrzehnt.
Börsencrashs im Zeitverlauf: Entwicklung von 1 US-Dollar und reale Höchststände des US-Aktienmarkts seit 1871
Was diese langfristige Betrachtung besonders eindrucksvoll zeigt: Ein Dollar, der 1871 in einen breit gestreuten US-Aktienindex investiert worden wäre, hätte inflationsbereinigt bis Anfang 2026 einen Wert von rund 35.082 US-Dollar erreicht.
Diese Zahl steht exemplarisch für die zentrale Botschaft der Studie: Langfristiges Investiert bleiben war historisch gesehen deutlich wichtiger als das Vermeiden einzelner Krisen.
Allerdings verlief dieser langfristige Weg nach oben alles andere als ruhig. Es kam zu 19 Börsencrashs unterschiedlichen Ausmaßes. Zu den großen Einbrüchen zählen Ereignisse wie die Große Depression (dieser Kursverlust ab 1929 von 79 % war der stärkste Einbruch der letzten 150 Jahre), das „verlorene Jahrzehnt“, das sowohl das Platzen der Dotcom-Blase als auch die Große Rezession umfasste (zweitgrößter Einbruch der letzten 150 Jahre mit -54 %), eine Periode mit Inflation, dem Vietnamkrieg und der Watergate-Affäre, die Anfang 1973 ihren Anfang nahm und letztendlich zu einem Kursrückgang von 51,9 % führte, zeigen, wie brutal zwischenzeitliche Rückschläge ausfallen können.
Wie sich Börsencrashs wirklich vergleichen lassen
Doch wie misst man eigentlich, wie schlimm ein Crash wirklich war?
Morningstar verweist dazu auf den sogenannten Pain Index, ein Konzept des Finanzwissenschaftlers Paul Kaplan. Dieses Maß kombiniert zwei entscheidende Faktoren:
– die Höhe des Kursverlusts
– die Dauer bis zur vollständigen Erholung
Erst diese Kombination zeigt, wie belastend eine Krise tatsächlich war. Als Referenz dient der Börsencrash von 1929 mit einem Wert von 100%. Alle anderen Krisen werden relativ dazu eingeordnet.
Ein Beispiel zeigt die Logik: Während der Kuba-Krise verlor der Markt rund 22,8 %. Der Crash von 1929 brachte dagegen ein Minus von 79% und dauerte zudem deutlich länger. Unter Berücksichtigung der Zeitkomponente ergibt sich laut Pain Index eine rund 28-fach höhere Belastung.
Die folgende Übersicht zeigt die schwersten Börsenrückgänge der vergangenen 150 Jahre, sortiert nach Höhe der realen Verluste und ergänzt um den Pain Index zur Vergleichbarkeit der Krisenintensität.
Die größten realen Börsenrückgänge in der Geschichte des US-Aktienmarkts (seit 1871)
Interessant ist dabei auch die Einordnung jüngerer Markteinbrüche. So landet der Rückgang von Ende 2021 mit einem Minus von 28,5 % im historischen Ranking lediglich im Mittelfeld.
Auslöser waren unter anderem der Ukraine-Krieg, hohe Inflation sowie anhaltende Lieferkettenprobleme.
Noch bemerkenswerter erscheint im Rückblick der Corona-Crash von März 2020. Zwar fiel der Markt in kürzester Zeit um fast 20 %, doch die vollständige Erholung erfolgte bereits nach vier Monaten – die schnellste der gesamten Untersuchung.
Die schwersten Krisen im Langfristvergleich
Besonders anschaulich wird die Wirkung großer Krisen laut Morningstar, wenn man verfolgt, wie sich eine Investition von 100 US-Dollar während dieser Phasen entwickelt hätte.
Zu den einschneidendsten Episoden zählen:
- Erster Weltkrieg und Pandemie 1918:
Nach wirtschaftlichen Umbrüchen und mit Beginn des Weltkriegs fiel eine Investition von 100 Dollar zeitweise auf rund 49 Dollar. - Crash von 1929:
Der wohl berühmteste Börseneinbruch ließ denselben Betrag bis 1932 auf nur noch etwa 21 Dollar schrumpfen. - Die zweite Depression der späten 1930er Jahre:
Nach einer kurzen Erholung folgte 1937 ein weiterer Einbruch, der erst mit dem wirtschaftlichen Aufschwung während des Zweiten Weltkriegs überwunden wurde. - Ölkrise der 1970er Jahre:
Inflation, geopolitische Spannungen und politische Unsicherheit führten zu einem Verlust von über 50% und einer Erholungsphase von fast einem Jahrzehnt. - Die verlorene Dekade nach 2000:
Nach dem Platzen der Dotcom-Blase verhinderte die Finanzkrise 2008 eine schnelle Erholung. Insgesamt dauerte diese Krisenphase rund zwölf Jahre.
Neben diesen großen Krisen gab es zahlreiche kleinere Rückschläge. Doch selbst unter Berücksichtigung all dieser Ereignisse zeigt sich ein klares Bild:
100 Dollar, die Anfang 2000 investiert wurden, wären bis Anfang 2026 auf mehr als 300 Dollar gestiegen. Seit 1870 hätte sich derselbe Betrag sogar auf mehr als 3,5 Mio. Dollar vervielfacht. Für Morningstar liegt darin die eigentliche Kernaussage der Analyse: Nicht das Vermeiden von Crashs entscheidet über den Anlageerfolg – sondern das Durchhalten.
Die wichtigste Lehre für Anleger
Damit führt die historische Analyse zu einer überraschend einfachen, aber oft schwer umzusetzenden Schlussfolgerung: Börsencrashs sind unvermeidlich, ihr Zeitpunkt ist nicht prognostizierbar, und ihre Dauer bleibt unsicher. Was Anleger dagegen kontrollieren können, ist ihre eigene Strategie.
Morningstar sieht deshalb drei zentrale Erfolgsfaktoren:
– breite Diversifikation
– ein Anlagehorizont, der zur persönlichen Situation passt
– Disziplin in Krisenzeiten
Die Geschichte zeige klar: Anleger, die investiert blieben, wurden langfristig belohnt.
Allgemein ist die Studie weniger als Prognose zu verstehen, sondern vielmehr als eine Art historischer Kompass für schwierige Marktphasen. Denn auch wenn sich jede Krise einzigartig anfühlt, zeigt der Rückblick über 150 Jahre ein erstaunlich konstantes Muster: Auf Angst folgte Erholung, auf Erholung folgten neue Höchststände.
Oder anders gesagt: Die größte Gefahr für Anleger war historisch selten der Crash selbst – sondern die Entscheidung, im falschen Moment auszusteigen.
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